Stoffwindeln in der Neoanthologie – (m)ein Erfahrungsbericht

Frühchen mit Stoffwindeln, Weltfrühchentag, Christin Kotz-Hertel, FamilienBande Oberberg, Wiehl Nov 17, 2023

Stoffwindeln in der Neoanthologie – (m)ein Erfahrungsbericht

Wie es dazu kam.

Wie bitte? Stoffwindeln auf der Frühchenstation? Warum genau sollte man sich diesen Stress antun, wenn ohnehin schon alles nicht so einfach ist und man ohnehin schon nur funktioniert?
Ganz ehrlich? Als ich mein 3. Kind unter Corona – Auflagen ohne meinen Mann in einer fremden Stadt viel zu früh zur Welt brachte, hatte ich ganz andere Sorgen, als an Stoffwindeln zu denken, so viel ist klar! Ich stand hilflos daneben, statt überglücklich nach meiner Traum-Hausgeburt mein Baby zu bekuscheln, die ganzen Kabel und Schläuche machten mir Angst und jedes Mal, wenn ich mein Kind zurück lassen musste, fragte ich mich, wie tief die Narben wohl gehen würden, die nicht nur ich davon tragen würde.

Dann war da noch das Stillen, was sich natürlich mit einem so kleinen Wesen nicht wirklich einfach gestaltet. Zum Glück hatte ich sehr große Hilfe, dennoch war auch das nicht gerade von glückseligen Momenten geprägt, sondern ein Kampf um jedes Gramm und Stress zwischen Pumpe und Sonde.

Doch mein kleines Kämpferherz wurde von Tag zu Tag stärker und bald schon wurden die Kabel weniger. Ich konnte nun die Pflege meines Kindes weitestgehend allein übernehmen und darüber war ich sehr dankbar. Ich bemerkte schnell, dass mein Kind die Windeln nicht vertrug. Das sei nicht ungewöhnlich, wurde mir gesagt. Ich lehnte die Wundcreme erst einmal ab. Die Haut war sooo dünn und ich wollte jedes Bisschen zusätzliche Chemie vermeiden, davon bekam mein Kind ja schon genug. Ich erhielt daraufhin von einer Schwester Heilwolle, die machte es etwas besser, aber nicht viel. Auch Einweg-Waschlappen in der Windel brachten nur wenig.

Unser Start

Da beschloss ich, es einfach zu wagen und mir beim nächsten Besuch meines Mannes Stoffwindeln mitbringen zu lassen, auch wenn die Lagerung eine Herausforderung werden würde, da ich nur etwa 1x wöchentlich Besuch bekam. Ich rief meine Freundin an, die bereits Stoffwindelberaterin war und sie packte mir ein Paket mit Windeln, die für Frühchen geeignet waren. Im Krankenhaus benutzte ich erst einmal nur Mullwindeln, da es nur mit diesen umsetzbar war, diese nach Benutzung so zu lagern, dass es hygienisch blieb und da man sie bei 95°C waschen kann.

Frühchen mit Stoffwindel in der Neoantologie, Frühchenwindeln, Christin Kotz-Hertel, FamilienBande Oberberg, Wiehl

Die ersten Versuche waren etwas holprig, da die Mullwindeln mit 60×60 cm noch ziemlich groß waren und ich noch immer etwas Scheu hatte, wenn ich die dünnen, zerbrechlich wirkenden Beinchen sah. Auch wenn am Anfang nicht alles perfekt saß, hielten die Windeln den winzigen Ausscheidungsmengen stand. Ich bekam außerdem schnell Übung, das Ergebnis sah immer besser aus und meine Freundin, welche bereits Stoffwindelberaterin war, packte mir ein Paket mit Windeln, die für Frühchen geeignet waren, damit auch die Größe der Windeln kein Problem mehr darstellte.

Zum Erstaunen aller stellte sich sofort eine Besserung ein. Wir genossen diese angenehmen Stoffe, welche sich so viel besser anfühlten, als der Kunststoff und nicht schon beim Anlegen so unangenehm rochen. Ich steckte all meine Liebe und Zuneigung in jeden einzelnen Wickelprozess, konnte außerdem mehr Einfluss darauf üben, dass mein Baby die „Anhock-Spreiz-Haltung“ einnahm, welche gerade bei Frühchen so wichtig ist um einer Hüftdysplasie vorzubeugen und fand so ein bisschen Heilung. Hier konnte ich Einfluss nehmen. Hier war eine kleine Stellschraube, mit der ich meinem Kind den so schwierigen Start ins Leben etwas angenehmer gestalten konnte und einen positiven Einfluss üben konnte. Das tat einfach nur gut.

Erstaunlich positive Reaktionen

Ich rechnete ehrlich gesagt damit, mich für meine Entscheidung vor dem Pflegepersonal rechtfertigen zu müssen. Ich hatte das Thema vorher nicht angesprochen, da ich mir Sorgen machte, schon Gegenwind zu bekommen, bevor ich es ausprobieren konnte und so fing ich kommentarlos an mit meinen Stoffwindeln zu wickeln und – niemanden schien es zu stören. Viele ließen es einfach unkommentiert, manche schienen neugierig und stellten Fragen und ein paar reagierten durchaus positiv.

Windelfrei – wie verrückt ist das denn?

Ermutigt durch das Ausbleiben von Kritik, den Erfolg und auch die Achtsamkeit, welche das Stoffwickeln mit sich brachte, wagte ich einen weiteren Schritt: Ich bemerkte, dass mein Kind sich (wie viele andere Babys auch) gerne genau dann erleichterte, wenn ich die Windel öffnete. Da ich mein zweites Kind bereits abgehalten hatte, erstaunte mich das nur wenig, doch nun überlegte ich, wie ich meinem Kämpferherz ermöglichen konnte, dies auch immer zu tun. Über einem Topf abhalten war in meinen Augen nicht machbar, dafür war mein Baby einfach noch nicht stabil genug und es würde eventuell zu sehr auskühlen. Ich fing an, im Wärmebett zu wickeln, damit es weiter schön kuschelig war und dadurch hatte ich beim Wickeln häufiger die Zeit zu warten, bis mein Kind sich entleert hatte, statt die Windel so schnell wie möglich wieder zu schließen. Das Ergebnis verblüffte mich etwas, denn ich stellte schnell fest, dass mein Kind genau darauf zu warten schien, dass ich die Windel öffnete, diese waren nämlich von nun an beim Öffnen sehr häufig noch trocken! So begann auch unsere Windelfrei – Geschichte bereits auf der Neo.

Die erste Zeit zu Hause

Als wir 4 Wochen vor dem eigentlichen Entbindungstermin schon nach Hause durften, änderte sich alles noch einmal ordentlich. Ich probierte mich durch die Windeln von meiner Freundin und stellte fest, dass nicht nur die Größe an sich beachtet werden muss, sondern auch, dass zu viel bzw. zu dickes Saugmaterial ebenfalls ein Problem darstellen. Außerdem wurde mein Kind nun wacher, es war wohl nun richtig angekommen und fing an, das Erlebte zu verarbeiten. Es fand den Wickelprozess auf einmal gar nicht mehr schön, sodass ich mir nicht mehr so viel Zeit lassen konnte. Mein Baby schrie sofort, wenn ich es ablegte. Ich überlegte, wie ich die Wickelsituation an diese Gegebenheit anpassen konnte und wählte ein System, welches auf der Rückseite am Po geschlossen wurde und mir somit ermöglichte, mein Baby kuschelnd und in Ruhe zu wickeln. Dies wäre mir mit einer Wegwerfwindel nicht so ohne weiteres möglich gewesen. Den Sitz in den Beinfalten konnte ich dann beim anschließenden Stillen überprüfen und optimieren und mit dem Abhalten pausierten wir ganz einfach, bis alles wieder entspannt genug war, um es erneut anzubieten.

Unser Anker

Auf diese Weise haben wir nicht zuletzt durch die schönen weichen und farbenfrohen Stoffwindeln das Beste aus unserer misslichen Lage herausgeholt und den tristen Krankenhausalltag mit Farbe und ganz viel Liebe gefüllt. Sie waren ein Anker, etwas Bekanntes, an dem ich mich festhalten konnte, wo die Welt aus den Fugen geraten war. Sie gaben mir das Gefühl, etwas bewirken und mitbestimmen zu können in einem Umfeld, was nur wenig Spielraum zuließ. Es brachte uns ein kleines, nicht unbedeutendes Stück Normalität in diese verrückte Zeit und machte ein bisschen von dem wieder gut, was uns an Nähe und Bindungschancen verloren gegangen war.

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